Fast hätte Achilles seinen Helm in die Flut geworfen, so heiß brannte der Zorn in seinem Herzen. Der König. Wie hatte er bloß je so dumm sein können, sich auf dessen Spielchen einzulassen? Perfide Strategien, wohin er nur blickte. Ja, dumm war er gewesen. Dumm und unerfahren. Doch war er denn heutzutage überhaupt klüger als damals? Wohl kaum.
Erneut war er ihm auf den Leim gegangen. Er, der große Achilles. Sein Lächeln war bitter. Nun, fast vier Jahre nach seiner ersten Einberufung hatte er zwar gelernt, Freund von Feind zu unterscheiden – von Agamemnons Truppen kam er deswegen aber auch nicht mehr los. Zu stark wog die Pflicht, die ihm und den Myrmidonen, seinen Männern, auferlegt worden war. Sie konnten sich nicht mehr abspalten, der König ließ sie nicht gehen und das Band, das Achilles mit seinen eigenen Truppen verband, war zu stark als das er sie je im Stich hätte lassen können. Agamemnon war gefährlich, rücksichtlos und stets nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Er würde nur an seinen Sieg denken, nicht an die Männer, die für diesen ihr Leben lassen mussten. Wenn das so weiter ging, würden sie ohnehin bald alle tot sein, soviel stand fest. Seine Strategien wurden immer törichter, sein Vordringen in feindliche Gewässer ohne Rücksicht auf Verluste. Deshalb war es auch Achilles, auf den alle zählten, ja, dem sie vertrauten und blindlings in die Schlacht folgen würden. Wenn er ging, zerfiel die Gruppenmoral zu Staub – zu groß war die Angst vor dem, was die Trojaner hinter ihren Mauern verbergen mochten. In hunderten von Jahren hatte sie kein Heer einnehmen können. Nun lag es an den Griechen, das Unmögliche möglich zu machen, während Agamemnon lächelnd dabei zusah. Achilles hätte schreien können vor Wut. Seine Finger schlossen sich fest um den Griff seines Einhänders.
„Achilles? Achilles, wo steckst du denn?"
Patroklos war aus einem der Zelte gekrochen. Seine Stimme klang warm und sorgenvoll zugleich, was Achilles keinesfalls entging. Instinktiv spürte er, was seinen Vetter beschäftigte –immerhin war Patroklos stets sein allerbester Freund gewesen und er selbst liebte ihn wie einen Bruder. Es war ihm also ein Leichtes, ihn zu durchschauen, selbst oder gerade in Zeiten wie diesen. Sein Innerstes war wie ein offenes Buch und er konnte darin lesen, jedes einzelne Wort. Achilles seufzte schwer.
Eines musste er sich nach all den Jahren eingestehen: Er bewunderte Patroklos aufrichtiger als jeden anderen Menschen, dem er je begegnet war. Irgendwie fand er stets freundliche Worte, selbst für diejenigen, die es nun wirklich nicht verdient hatten und seine Taten erfüllten die Herzen aller mit Wärme. Er war so stark, innen und außen. Er hatte es zu einer Größe gebracht, von der er, der als eigentlicher Held galt, nur träumen konnte. Und dennoch.
Achilles zog es vor, ihn erst einmal nicht in seine Gedanken einzuweihen. Zumindest noch nicht. Es würde seinem sanften Gemüt nicht gut bekommen, derartige Lasten zu tragen, also schwieg er solange, bis sein Freund kehrt machte und woanders seine Suche nach ihm fortsetzte. Dabei unterdrückte er den Drang, einfach die Hand nach ihm auszustrecken und ihm alles zu verraten, was ihm seit Wochen durch den Kopf ging. Es wäre so leicht gewesen, so befreiend. Doch nein, zu aller erst musste er sich etwas sammeln, über Geschehenes und Kommendes reflektieren und Entscheidungen treffen – und dazu wollte, ja, musste er unbedingt allein sein. Es half nichts. So gern er seinen Vetter auch bei sich gehabt hätte, so lag es nun doch an ihm, die Last ihres Auftrags zu tragen. An ihm allein.
Der Krieger seufzte erneut. Selten nahm er sich noch die Zeit für derartige Momente der Einsamkeit und er wusste diese auch sonst nicht sonderlich zu schätzen. Im Gegenteil: Die Stille war ihm verhasst. Stets suchte er ihre lauten Gegenpole, mischte sich unter die Leute, deren Gesellschaft ihn mit Leben erfüllte und das perfekte Gleichgewicht zu seinen Ängsten bildete. So zumindest war es früher immer gewesen. Nun aber erschien ihm das Alleinsein bitter nötig. Für den Augenblick.
Sein Blick wanderte über die Küste. Das Meer zu seinen Füßen tobte – er konnte es sehen und fühlen. Gewaltige Wassermassen schossen in Säulen empor und griffen nach ihm, verfehlten ihn jedoch knapp. Stattdessen brandeten sie glasklar wie ein Vorhang aus Schaum an den Felsen, auf denen er stand und zogen sich schließlich in die Tiefe zurück. Gern wäre Achilles mit ihnen gegangen. Auch ihn zog es hinaus, weit weg in die Welt, an ferne Orte, die Ruhm und Ehre versprachen. Länder, die eines Kriegers wie ihm bedurften. Einmal würde er sie sehen können. Irgendwie konnte er es spüren.
Der Tag war zwar noch nicht angebrochen, da strömten bereits Menschen in den Hafen von Mykene und brachten tonnenweise Handelsware, Waffen und Ruder mit sich. Der Geruch fremdländischer Gewürze, nassen Holzes und verschwitzter Haut erfüllten bald die Morgenluft, deren Duft seine Lungen durchströmte. Das Meer roch salzig und rau, so, wie er es kannte und liebte. Seine langen Haare wehten im Wind und erinnerten ihn an die Banner jener Herren, denen diente. Der Gedanke daran ließ ihn schlucken. Seine Handflächen schwitzten. Nein, eines stand fest: Er musste sie begleiten, ihnen den Rücken freihalten. Ohne ihn war der Krieg schon verloren, ehe er erst begonnen hatte. Das wusste auch Agamemnon, dessen Boten ihn inzwischen täglich aufsuchten und zu locken versuchten. Eingegangen war er auf keines ihrer Angebote, jedenfalls noch nicht. Bald würde er die endgültige Entscheidung treffen müssen und der Gedanke allein bereitete ihm Magenschmerzen. Übelkeit. Und ein rasendes Herz, so schmerzhaft und glühend vor Sorge, dass er sich die ersten Male hatte setzen müssen, um nicht die Balance zu verlieren. Seine Hauptsorge galt dabei keineswegs seiner eigenen Sicherheit, sondern der seiner Freunde, allen voran Patroklos, den er um nichts in der Welt je eingetauscht hätte. Leider war jener nicht halb so kampferprobt, wie Achilles es für nötig befunden hätte, ließ sich aber auch nichts sagen und bestand regelrecht darauf, ihm und den Myrmidonen im Kampfe beizustehen. An das eigene Wohl, das wusste Achilles genau, dachte sein Waffenbruder dabei nicht eine Sekunde lang – so selbstlos und gut war Patroklos und Achilles bewunderte ihn dafür. Mochten ihn die anderen doch für schwach halten, er wusste es besser. Patroklos war besser als sie alle zusammen. Vielleicht nicht, was seine Muskeln betraf, aber dafür umso mehr im Herzen. Ob ihm das was nützen würde, wusste Achilles leider nicht. Doch für die Sicherheit Agamemnons wollte er es hoffen, fürwahr! Ansonsten würde nicht nur Troja brennen und das wusste sein König ebenso sehr wie die anderen.
Abwesend blickte sich der Krieger um. Fischer und Händler der ganzen Stadt schien es heute ans Meer verschlagen zu haben, denn inzwischen wimmelte es überall nur so vor Menschen, die sich an ihr Tageswerk gemacht hatten. Fischernetze wurden geknüpft, Kisten verladen und Schiffe seetauglich gemacht – die meisten davon stammten von Menelaos Flotte, die alle Truppen direkt nach Troja befördern sollte. Ans Ende der ihnen bekannten Welt und vielleicht darüber hinaus. Achilles konnte den Hades buchstäblich schon fühlen. Ihm sollte es recht sein. Der Tod konnte ihn nicht schrecken, nicht mehr. Er würde sich seinen Ängsten stellen, mutig sein. So wie Patroklos. So, wie es seine Männer von ihm erwarteten.
So, wie die ganze Welt.
© Maja Vallazza
The Artist has requested Critique on this Artwork
Please sign up or login to post a critique.